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Warum das Wegwerfen so schwierig ist, und warum dieses Dokument ein Lichtblick in einer vollgestopften Wohnung ist.
Die Wegwerf-Philosophie
Die peinliche Befragung Die Geschichte seines Lebens und warum er dieses Werk schrieb. Dazu: Die wahre Geschichte seines Lebens und warum er dieses Werk wirklich schrieb. |
Vielleicht sind Sie auch ein konsequenter Mensch und schmeißen weg und stellen regelmäßig drei Tage danach fest, dass Sie das Objekt doch noch hätten gebrauchen können. Das kann richtig ins Geld gehen, wenn Ihr Wegwurf Omas nie benutztes Meißner Porzellan war oder auch ein verstaubtes Van Gogh-Bild vom Dachboden.
Ganz offensichtlich ist ständig eine Abwägung zwischen wegwerfen und aufheben nötig. Die Kunst besteht darin, Dinge wegzuwerfen mit dem Gefühl, sich von etwas Altem und Lästigem befreit zu haben, und sie aufzuheben mit dem Gefühl, dass sie nicht nur Platz wegnehmen und in keiner Weise die Freude einschränken, etwas Gleiches als Werbegeschenk zu erhalten.
Beim Wegwerfen gibt keinen Königsweg, allein schon deshalb, weil in Königspalästen genügend Platz für alles ist und genügend Leute angestellt sind, die sich dort um Ordnung kümmern. Aber es gibt vielleicht einen Werktätigen-Weg für Aldi-Neukunden in einer 50 m2-Plattenbauwohnung. Hier suchen wir diesen Weg.
Man kann diese Forderung abschwächen, indem man auf den Zettel schreibt: "Am soundsovielten überlege ich mir nochmal, ob ich das wegschmeiße." Oder auch: "Damals am (heutiges Datum) habe ich mich schon gefragt, für was ich das brauche."
Das eröffnet eine andere Möglichkeit, die Begrenzung der maximalen Lagerzeit für unbenutzte Dinge messen. Wenn ich damals auf meinen Zettel schrieb: "Das hier habe ich zum letzten Mal am dem und dem Tag benutzt.", gibt uns dieses Objekt eine Vorstellung davon, wie lange es schon unbenutzt bei uns Platz wegnimmt. Wenn ich dazu jetzt noch so konsequent bin zu sagen: "Zehn Jahre alte Röcke trage ich eigentlich grundsätzlich nicht.", dann ist der Weg für ein gelangweiltes Kleiderstück frei zum Abenteuer Altkleidersammlung.
Als professioneller Haus-Lean-Production-Wächter können Sie sogar eine Statistik erstellen, wie lange etwas unbenutzt herumgelegen hat, und wie häufig Sie es nach dem Wegschmeißen dann doch noch hätten brauchen können. Berechnen Sie dann mit Hilfe von Mittelwert und Standardabweichung die Lagerkosten (wie viel Miete sie pro Quadratmeter zahlen, wissen Sie ja) und ziehen es von dem zins- und inflationsbereinigten Kaufpreis von unnötigerweise weggeschmissenen Doch-noch-gebrauchtem ab. Ist das Resultat negativ, war Ihr Vorgehen positiv, weil dann die Einkäufe weniger Geld gekostet haben, als der Lagerpreis.
Obwohl Erziehungsurlaub für promovierte Hausbetriebswirtschaftsexperten sicherlich auch ohne Kindererziehung sehr aufregend sein kann, bleiben wir als Laien vielleicht doch lieber bei einem einfachen Beispiel ohne Rechnung.
Einschränken muss natürlich gesagt werden, dass die aufgeführten Kosten nicht umbedingt relevante Kosten sein müssen. Sie werden sich für eine Hose mehr oder weniger nicht einen anderen Kleiderschrank kaufen, allerdings geht es ums Prinzip: Falls Sie 30 % Ihrer Kleidung niemals anziehen, brauchen Sie 30 % mehr Platz an Kleiderschrank. Das kann schon zu einem Kauf von einem Kleiderschrank führen, den Sie eigentlich nur zum Müll Aufbewahren haben.
Auf der anderen Seite stehen die Nutzen der nicht benutzten Hose:
Ähm ja, eigentlich keiner, da Sie sie ja nicht benutzen. Hypothetisch könnte es eine Wahrscheinlichkeit geben, dass
Auch hier muss man wieder sehen, welcher Nutzen relevant ist: Brennt Ihr Haus ab, sind alle Hosen verbrannt, und das Aufheben der alten hat sich nicht gelohnt, sondern nur das Feuer genährt. Und für eine Faschingsverkleidung fällt Ihnen ja vielleicht noch etwas anderes ein. Schließlich würde zu einer alten Hose auch ein altes Hemd passen - was Sie nicht haben - und DAS schaffen Sie ja auch aufzutreiben, wenn es sein muss. Oder Sie verkleiden sich mangels Hose mit einem Bettlaken als afghanische Frau oder Gespenst - je nach Interpretation.
Zwar sind die Kosten für eine unnötig aufgehobene Hose nicht hoch, aber der Nutzen ist noch geringer. Wenn wir nun bedenken, wie viele Dinge wir aufheben, die wir eigentlich nicht brauchen, dann sind die Gesamtkosten schon erheblich. Ein ganzer Kleiderschrank voller Fummel kostet sie 1,5 Quadratmeter Miete pro Monat plus den Kleiderschrank.
Im ungünstigsten Fall brauchen Sie die Hose doch. Gerade die Hose! Jetzt haben Sie sie aber schon brav weggeschmissen und müssen - teuer, teuer - eine neue kaufen. Wie teuer wird die wohl sein? Für diese eine Hose geht die Rechnung dann wohl eher vorteilhaft für die Sammler aus, aber wenn Sie einrechnen, dass sie in zehn Jahren nur ein einziges Kleiderstück nachkaufen mussten, aber einen halben Kleiderschrank gespart haben, weil Sie konsequent wegschmissen haben, dann sieht es schon ganz anders aus. (In einem halben Kleiderschrank können Sie zum Beispiel problemlos die unnötige Stehlampe aufheben.)
Also, dahin geht die Wegwerf-Philosophie. Wegschmeißen wagen, einen ärgerlichen Nachkauf riskieren, aber auf Dauer sparen.
Nicht nur, dass man sich so zwanzig Jahre lang von etwas Platz hat wegnehmen lassen, was man schon vor 19 Jahren und zehn Monaten weggeworfen hätte, nein - schlimmer noch, irgendwann wird nach unserem Tod einer unserer Enkel andachtsvoll einen 60 Jahre alten Kassenzettel finden - und aufheben. Nach weiteren 60 Jahren werden seine Enkel, also Ihre Ur-ur-enkel, den nunmehr 120 Jahre alten Kassenzettel noch vorsichtiger aufbewahren, und zwar neben den dann 60 Jahren alten Kassenzetteln ihres Enkels und den 20 Jahre alten ihrer Ur-ur-enkel.
Da die Größe unseres Planeten begrenzt ist, wird nach spaetestens 300 Generationen die gesamte Menschheit obdachlos sein, weil die Häuser voller Kassenzettel sind, die sich aus Rücksicht auf ihren antiquarischen Wert keiner wegzuschmeißen traut. Und gar nicht zu reden von anderen Objekten größerer Art, die Sie und Ihre Nachfahren nicht rechtzeitig weggeschmissen haben.
Denken Sie an Ihre Kinder und Kindeskinder und schmeißen Sie weg, was Sie haben.
Werfen Sie Kassenzettel weg, wenn die letzte Garantie der dort aufgeführten Objekte abgelaufen ist. Schreiben Sie sich dieses Datum in den Notizkalender. Schmeißen Sie den Notizkalender von diesem Jahr am 31.12. weg. Trick: Machen Sie sich ein Silvesterpartyvergnügen daraus, Kalender im Kamin zu verfeuern. Laden Sie zur Vorsicht die Freiwillige Feuerwehr ein. Mit mehr Leuten wird das Fest auch lustiger. Schmeißen Sie die Notizkalenderasche am 1.1. in den Mülleimer. Sie ist wirklich zu nichts mehr nutze. Obacht: Keine heiße Asche in Mülleimer füllen. Besser auch nicht anfassen. Anderfalls schmeißen Sie die Krankschreibung weg, wenn Sie wieder gesund sind und eine Kopie beim Arbeitgeber abgegeben haben.
Nebenbei erkundigen Sie sich bei Ihrer Bank, wie lange man Kontoaufzüge aufheben muß.
Durch Zufall fiel ein Meteorit in das Gebäude der neuen Wohnung und zerstörte seinen ganzen Besitz. Seine Ehefrau verließ ihn darauf hin und ihm blieb nichts als sein Bett, das er sich in eine andere Wohnung mitnahm, die er statt der Zerstörten bezog. Zunächst war er sehr traurig über den Verlust seiner Sachen – und auch über den seiner Ehefrau – doch bald erkannte er seinen neuen Reichtum: Platz! Lebensraum! Putzen leicht gemacht!
Es sprach sich recht schnell herum, dass er ausser seinem mit einem Bett bestückten Schlafzimmer nur leere Räume in seiner Wohung hatte. Anfänglich belächelt wurden die Vorteile seiner Wohnung bald von allen geschätzt. In den leeren Räumen trainierte der örtliche Hallenfußballclub, der Tanzverein, die Schreitherapiegruppe und manchmal brachte der Zivildienstleistende von Essen auf Rädern seine Freunde mit zur Sau-raus-lassen-Party. So gewann er viele Freunde, denen er ohne Probleme seine Wohung überlassen konnte, denn was konnten sie schon kaputt machen?
So starb er als glücklicher und angesehener Mann, der so viele Freunde wie sonst keiner hatte. Aber auch seine Freunde waren glücklich. Denn sie erbten sein Geld, von dem er seit Jahrzehnten nichts mehr ausgegeben hatte. Für was auch? Er wurde ja immer eingeladen. Nach seiner zahlreich besuchten Beerdigung wurde seine Wohnung von der Stadt gekauft und als Begegnungsstätte fortgeführt, die bis heute seinen Namen trägt.
Seiner treulosen Ehefrau fiel beim Abstauben ein völlig überladenes Bücherregal entgegen, von dem sie eingequetscht wurde. Nicht in der Lage, das Telefon zur erreichen um Hilfe zu holen, verdurstete sie qualvoll. Da sie die Miete mit Dauerauftrag von einem gut gefüllten Konto zahlt, vermisst sie bis heute nicht einmal ihr Vermieter. Erst Archäologen werden wohl die Tote finden – und dann wahrscheinlich bei sich aufheben.
Nun, das ist eine schöne Geschichte, und es könnte die Geschichte des Autors dieses Werkes sein. Ist sie aber nicht! Tatsächlich hat er weder in der Nachkriegszeit gelebt, noch ist er armer Student, und schon gar kein reicher Rentner. Und wem fällt schon ein Meteorit aufs Haus? Die wirkliche Geschichte ist eine ganz andere.
Können Sie sich vorstellen, eine alte, halb-kaputte Musikanlage quer durch Europa zu karren? Weil für irgend etwas ist so eine Universum-Musikanlage von Quelle schon nützlich, auch wenn sie nicht mehr funktioniert. Also gut, das Radio geht noch, nur der Verstärker nicht immer, aber wenn man sowohl die Lautsprecher als auch die Musikanlage direkt das Bett stellt, dann kann man sie tatsächlich noch benutzen. Die Lautsprecher funktionieren dann so wie etwas größere Kopfhörer, und die Nähe der Musikanlage garantiert eine kurze Reaktionszeit bei der Lautstärkeregelung, falls der Verstärker dann plötzlich doch wieder funktioniert.
Übrigens ist die Stereoanlage auch als Nachttisch sehr praktisch. So dient sie als Unterlage für einen Ventilator, mit dem sich wahrscheinlich schon General Rommel etwas Wind gemacht hat. Allerdings ist die Verankerung des Glasdeckels der Stereoanlage gebrochen. So habe ich ein Brett über die Stereoanlage gelegt, und auf der steht jetzt der Ventilator.
Irgendwann ist mir mal eingefallen, dass ich vielleicht zu viel unnötige Dinge aufhebe. Natürlich ist aufheben gut, denn je mehr man hat, desto weniger muss man einkaufen gehen. Das ist schon ein großer Vorteil, wenn man bedenkt, dass einkaufen gehen etwas grundsätzlich Schreckliches* ist. Aber für die Musik habe ich inzwischen einen Radiowecker, der genauso schlecht wie die Stereoanlage geht, seitdem die Katzen das Antennenkabel durchgebissen haben. Auch als Nachtisch bräuchte man eigentlich keine Stereoanlage, denn beim Aldi gibt es ausreichend große Kartons dafür.
Allerdings ist auch wegwerfen Arbeit und die rennt bekanntlich nicht weg. So entschloss ich mich, die Stereoanlage wegzuschmeißen, wenn ich das nächste Mal umzöge, weil ich ja dann ohnehin alles aus der Wohnung räumen muss. Dann bin ich umgezogen (wieder einmal) und habe festgestellt: Beim Umzug hat meine eine Menge Zeit für alles, besonders zum Durchlesen alter Bücher, von denen man gar nicht mehr wusste, dass man sie besitzt. Aber zum Wegwerfen ist definitiv keine Zeit da. Dass man eine halb-kaputte Stereoanlage durch einen Karton und einen Radiowecker mit angeknabberten Kabel ersetzen kann, ist keine Erkenntnis, auf die man mal so eben gerade kommt, wenn man sie braucht.
Was man aber braucht, dass ist eine richtige Einstellung zum Aufheben und eine Fähigkeit, Müll als solchen zu erkennen. Als Akt der Selbsterkenntnis schrieb ich dieses Dokument. Und dieses ist der wahre Grund für dieses Werk!